Zellgedächtnis entlasten
Im Westen und im Nahen Osten eskaliert Polizeigewalt. Professorin Cassie ist wie gelähmt im Angesicht all der Videos und Erzählungen, in denen Menschen von Milizen eingeschüchtert, bedroht, verfolgt und getötet werden.
Sie selbst lebt in Sicherheit, doch die Willkür, die andere Menschen gerade erleiden, erschreckt und empört sie. Cassie kann nicht aufhören, daran zu denken. Sie schaut seit Tagen die Videos, spricht mit Menschen darüber und kann sich überhaupt nicht beruhigen.
Selbst beim Mittagessen in der Mensa diskutiert sie aufgebracht mit ihrem Kollegen Anton. Er ist immer entspannt wie ein Buddha. „Darf ich dich fragen, was genau dich so aufregt? Ich meine, welche Gefühle sind da unter der Wut und Empörung?“
„Es sind Gefühle unter den Gefühlen?“ Cassie wundert sich. Was meint er damit? Sie hält inne und atmet tief durch. Bilder von Filmen über die Nazizeit steigen in ihr auf. Szenen von der Verhaftung unschuldiger Menschen, von Verschleppung und KZ. In ihr zieht sich alles zusammen. „Ich habe Angst, aber wieso?“ Sie nimmt ein paar tiefe Atemzüge. „Weil meine Großeltern die Judenverfolgung erlebt haben. Sie wurden eingeschüchtert. Ihre Nachbarn wurden deportiert und ermordet.“ Cassie kann die Tränen nicht zurückhalten.
Anton sieht sie mitfühlend an. „Danke, dass du deine Traurigkeit zeigst. In diesem Land sind vor 100 Jahren furchtbare Dinge getan worden. Wir fühlen das. Auch wenn wir selbst nicht dabei waren. Unsere Ahnen haben die Erfahrungen an uns vererbt.“
Cassie versteht es nicht genau, aber sie weiß intuitiv, was er meint. Die Großeltern haben den Schrecken in ihren Zellen gespeichert und mit der DNA an ihre Kinder und Kindeskinder weitervererbt. Deshalb lebt der Schrecken nun in Cassie und auch in ihren erwachsenen Kindern weiter. „Unsere ganze Gesellschaft hat das in ihren Zellen“, flüstert Cassie. „Deswegen macht das so viel mit uns. Es fühlt sich an, als hätten wir selbst das erlebt.“ Sie atmet tief durch.
„Meine Zellen wollen mich warnen.“ Cassie weiß nicht, wo diese Gedanken herkommen, aber sie weiß, dass sie wahr sind. In diesem Moment steigen Angst und Schmerz in ihrem Körper auf. Sie will aufspringen, aber Antons mitfühlender Blick hält sie davon ab. Er nimmt ihren Stress wahr. Es kommt ihr vor, als würde er ihr helfen, den Stress im Zaum zu halten. Plötzlich hört ihr Zellgedächtnis auf zu feuern. Innerhalb von Minuten beruhigen sich ihre Gefühle. Antons freundliche, ja liebevolle Anwesenheit hat ihr die Sicherheit gegeben, die Warnungen ihres Zellgedächtnisses bewusst zu hören und dann loszulassen.
Cassie nimmt einen Löffel Pudding. Ihr Bedürfnis, über das Unrecht in anderen Ländern zu sprechen, ist weg. Sie begreift, dass ihre Zellen die Erfahrungen ihrer Ahnen noch lange tragen werden. Doch sie ist den geerbten Gefühlen nicht ausgeliefert. Jedes Mal, wenn sie diesen Erfahrungen in einer sicheren Umgebung Raum gibt, entspannen sich ihre Zellen und lassen etwas von dem Stress los. So wird ihr Zellgedächtnis immer weiter verblassen.
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