Unbehagen begreifen

Professorin Cassie stellt sich der Erkenntnis, dass sie einen Putzfimmel hat.

Ihr Bruder Jonas, der mit ihr in einer großen Berliner Wohnung lebt, hat gekocht, voller Begeisterung und Schwung. Das Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat hat großartig geschmeckt. Doch der Gedanke daran, wie die Küche aussieht, verursacht Cassie solch ein Unbehagen, dass sie es körperlich spürt. Es schmerzt in der Brust und im Rücken.

Sie will Jonas nicht die Verantwortung für ihre Gefühle aufdrücken, aber sie erzählt ihm davon. „Ich habe jetzt eine Stunde durchgehalten. Dein Essen war wunderbar. Bitte mach die Küche jetzt sauber, ich drehe sonst durch.“

„Alles klar, aber rede mir nicht rein. Bleib einfach hier."

Cassie ist froh, dass er Verantwortung übernimmt, kann aber nicht loslassen. Sie schaut von der Tür aus zu. Die schmutzigen Töpfe und Pfannen, die Flecken auf der Arbeitsplatte und dem Herd verstärken Cassies körperliches Unbehagen. Sie atmet tief ein, hält den Atem an, atmet tief aus und hält den Atem wieder an. Dann fängt sie von vorn an.

Jonas lässt Spülwasser ein, schiebt Töpfe und Pfannen umständlich hin und her. Am liebsten würde Cassie ihm alles aus der Hand nehmen und das selbst in Ordnung bringen.

Plötzlich hört Cassie die Stimme der Oma in ihrem Kopf. „Stell die Töpfe nicht ineinander. Erst die Gläser! Wechsel das Waschwasser. Tausch den Lappen aus.“ Cassie ist in die Küche ihrer Kindheit versetzt. Sie sieht, wie ihre Oma ihre Schwiegertochter, Cassies Mutter, herumkommandiert. Die fügt sich zwar, geht in ihrer unterdrückten Wut aber achtlos mit dem Geschirr um. Ein Glas zerspringt. Plötzlich gerät die Oma in Panik. Sie schimpft, schubst die Schwiegertochter weg, hebt die Scherben rasch auf. Es kommt Cassie vor, als hätte die Oma Angst, bestraft zu werden. Ihre Schwiegertochter läuft weinend hinaus. Was für ein Drama!

Cassie bemerkt, dass sie vergessen hat zu atmen. Nun holt sie wieder tief Luft. Seltsamerweise fällt es ihr leichter, ihrem Bruder beim Hantieren zuzusehen. Auch wenn sie mehrmals zusammenschreckt, weil sie denkt, dass er etwas fallen lässt. Als sie sieht, wie Jonas einen nicht ganz trockenen Topf in den Schrank räumen will, hält sie es nicht mehr aus. „Warte, ich helfe mit“. Sie nimmt ihm den Topf aus der Hand und trocknet ihn ab. Jonas beobachtet sie interessiert. „Du bist etwas entspannter als sonst.“

„Ja, aber nur etwas. Ich glaube, Oma ist früher für Unordnung in der Küche bestraft worden. Ich hatte eben eine Erinnerung an sie. Damals habe ich nur ihre Anspannung wahrgenommen. Heute, im Nachhinein, kommt es mir vor, als hätte sie panische Angst vor Schmutz und Unordnung gehabt.“

„Das kann ich mir vorstellen. Ihr Vater soll ja ein Tyrann gewesen sein.“

Jonas ist fertig mit Putzen. Sogar der Boden glänzt.

Normalerweise würde Cassie jetzt noch einmal nacharbeiten, aber sie lässt es sein. Jonas klopft ihr auf die Schulter. Tatsächlich kommt es ihr wie ein Triumph vor. Sie hat sich ein weiteres Stück aus ihrem übertriebenen Verhalten gelöst.

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