Unbehagen aushalten

Professorin Cassie kommt von der Arbeit nach Hause in die große Wohnung. Sie schaut in die Küche. Ihr Bruder und Mitbewohner Jonas kocht.

Ihr Bruder freut sich, dass sie da ist. Er probiert Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat aus. Die Arbeitsfläche, auf der er die Panierstraße aufgebaut hat, ist fleckig. Überall Mehlstaub, Brösel und Kleckse von Ei. Cassie fängt sofort an, ihm zu erklären, wie er sauberer arbeiten kann. „Schieb die Teller näher zusammen, leg den Holzlöffel auf einen Untersetzer. Stell den Topf gleich in die Spüle.“

Da stellt er die Schüssel mit Kartoffelsalat hart auf der Arbeitsplatte ab. „Jetzt hör auf. Geh einfach raus. Ich sage dir Bescheid, wenn das Essen fertig ist.“

„Ich will aber nicht, dass du meine Küche dreckig machst“, blafft Cassie zurück.

„Entspann dich mal. Das ist meine Art zu kochen. Erst mache ich alles schmutzig, dann esse und dann putze ich.“

„Ich finde es eklig zu essen, wenn ich weiß, dass die Küche total chaotisch ist“, meckert Cassie.

„Du bist wie Oma. Bei ihr hat sich niemand wohlgefühlt, weil sie immerzu nach Fehlverhalten gesucht und jeden kritisiert hat.“

Cassie bekommt einen Schreck. Sie erinnert sich daran, dass sie als Kinder nicht mal Kekse essen durften, weil sie ja krümeln könnten. Benimmt sie sich wirklich so? Sie geht ins Wohnzimmer, atmet mehrmals tief durch, lässt ihren Schreck und den Ärger vom Kopf in den Körper sinken, atmet weiter. Plötzlich hörte sie eine innere Stimme. Ich kann seine Art zu kochen nicht ertragen. Am besten wäre es, wenn er gar nicht kochen, sich nicht mal ein Brot schmieren oder einen Apfel schälen würde. Ich sollte ihm den Zutritt zur Küche ganz verbieten. Dann wäre alles gut.

Cassie weiß nicht, woher diese Stimme kommt, aber alles, was sie sagt, macht Sinn. Ihr wird bewusst, dass schon der Gedanke an die Brösel auf der Arbeitsfläche sie verrückt macht. Da taucht ein schneidendes Unbehagen in ihrem Körper auf. Das hat sie noch nie bemerkt. Es ist nicht auszuhalten. Sie muss etwas dagegen tun. Sie weiß auch schon was. Jonas soll die Brösel wegwischen. Dann wird es ihr besser gehen.

Da wird ihr bewusst, was sie von ihm verlangen will. Er soll seinen Charakter ändern, damit es ihr besser geht. Das ist vielleicht nicht fair, aber so machen es doch die meisten Menschen. Unschlüssig geht sie zur Küche und stellt sich in die Tür. Jonas bemerkt sie nicht. Ihm fallen Ei und Brösel auf den Fußboden. Bevor sie ihn anherrschen kann, nimmt er die Kleckse schon mit Küchenkrepp auf. Cassie ist erleichtert. Sie versteht nicht, warum die Unordnung sie so quält, aber Jonas hat offensichtlich nichts damit zu tun.

Langsam beruhigt sich Cassies Nervensystem. Das Unbehagen wird weniger. Sie hat den Schlüssel zu ihrem Wohlbefinden in sich selbst gefunden. Es wird aber noch viel Zeit und Übung nötig sein, um den Stress über Schmutz und Unordnung zu überwinden.

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