Selbst recherchieren
Professorin Cassie hört in einem Seminar dem Referat eines Studenten zu. Der junge Mann, der ihr noch nicht aufgefallen ist, benutzt gefällige Formulierungen und lange Sätze. Sie braucht einen Moment, um in den schönen Worten eine falsche Aussage zu bemerken.
Sie unterbricht ihn und fragt nach seinen Quellen. Dabei will sie eigentlich wissen, ob er den Text selbst verfasst hat. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand eine Arbeit oder einen Vortrag von Künstlicher Intelligenz schreiben ließ.
Er gerät ins Stottern, wischt hilflos auf seinem Notebook. Schließlich nennt er die Studie einer Forschungsgruppe, von der Cassie noch nie etwas gehört hat. Dabei ist sie seit 25 Jahren in diesem Themengebiet unterwegs.
"Da hat die KI wohl halluziniert", ruft jemand aus den hinteren Reihen. Alle lachen.
"Das kann nicht sein. Die KI hat das noch mal gecheckt. Beweisen Sie doch, dass Sie Recht haben", meckert der Student seine Professorin plötzlich an. Er scheint nicht glauben zu wollen, dass die KI ihn hinters Licht geführt haben könnte.
"Das mache ich sehr gern. Sehen Sie zu und lernen Sie." Sie ruft in der Bibliothek an und fragt die Mitarbeiterin für alle hörbar nach der Studiengruppe, von der der Student gesprochen hat, doch die gibt es nicht. Cassia lässt sich Material in den Seminarraum schicken. Sie braucht kein schriftliches Literaturverzeichnis, sie kennt die Titel der Texte, die Autoren und die Erscheinungsjahre auswendig. Die Studierenden staunen.
Als die Hilfskraft der Bibliothek mit den Büchern und Zeitschriften kommt, fasst Cassie die Studienlage zusammen, erklärt die Aufgabengebiete der Autoren und findet innerhalb weniger Minuten die entsprechenden Textstellen, um ihr Wissen zu untermauern.
Der Student, der das Referat gehalten hat, sackt in sich zusammen. "Es tut mir leid, dass ich Ihre Fachkenntnis angezweifelt habe."
"Wer von Ihnen hat schon mit KI recherchiert und darauf eine Arbeit aufgebaut?" Erst melden sich nur wenige Studierende, dann sind fast alle Hände in der Luft.
Sie wendet sich an den unglücklichen Studenten. "Ich werde dieses Referat nicht bewerten. Nächste Woche will ich es noch einmal hören, in Ihren eigenen Worten, mit Ecken, Kanten und meinetwegen auch sprachlichen Fehlern. Ich erwarte, dass Sie jederzeit Ihre Quellen nennen können. Das Gleiche gilt für alle anderen hier im Saal. Nutzen Sie KI meinetwegen, um Ideen zu finden und zu strukturieren, aber danach werden Sie in die Bibliothek gehen, Bücher lesen und Artikel von echten Menschen zitieren. Ich will Ihren eigenen Schreibstil erleben und Ihre Gedankengänge verfolgen, auch wenn sie manchmal nicht stimmig sind. Trauen Sie sich.“
Die Studierenden sind entsetzt. Diese Arbeitsweise hört sich nach dem Mittelalter an. Allerdings werden sie am Ende des Semesters dankbar sein, dass Cassie ihnen diese anspruchsvolle Aufgabe zugetraut hat.
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