Schmerzen verstehen
Professorin Cassie sitzt nach einem stressigen Tag auf dem Sofa, trinkt Wein und schaut fern. Plötzlich schmerzt ihr Magen.
Cassie wundert sich nicht. Sie hat alle paar Jahre solche Magenschmerzen. Da die immer schnell wieder weggegangen sind, war sie nie damit beim Arzt.
Sie macht den Fernseher aus und atmet tief durch. Der Ärger des Tages ist schnell wieder da. Es gab große Aufregung, weil die Universität weniger Mittel zur Verfügung haben wird. Einige junge Wissenschaftler können deshalb nicht weiter beschäftigt werden. Das hat die Betroffenen, aber auch Cassie schockiert.
Ihr Magen schmerzt erneut. Sie betrachtet die Weinflasche. Sie trinkt diese Sorte das erste Mal. Vielleicht bekommt er ihr nicht? Oder ist es der Salat, den sie gegessen hat?
Sie denkt an eine Doktorandin, die Cassie in den letzten Jahren gefördert hat. Sie hatten sich beide ausgemalt, dass die junge Frau Cassies Team langfristig verstärken könnte, doch dieser Traum ist heute zerplatzt. Cassie spürt wieder den Stich im Magen, atmet tief durch, um den Schmerz zu regulieren. Die Doktorandin und die Professorin haben viel gemeinsam. Sie sind beide während des Studiums Mütter geworden, kennen die Freuden und Schwierigkeiten, die junge Familien an der Uni erleben können. Cassie hat keine Idee, wie die junge Wissenschaftlerin einen neuen Job in ihrem Fachgebiet finden soll. Qualifizierte Stellen sind dort rar gesät.
Cassie ist eine loyale Mitarbeiterin, die das Handeln der Geschäftsleitung akzeptiert und in ihr Team trägt. Doch in dieser Sache kann sie das nicht. Sie findet die Sparmaßnahmen, die auf den Schultern von jungen Menschen mit befristeten Verträgen abgeladen werden, falsch. Sie spürt eine Wut, die mit einem stechenden Schmerz durch ihren Leib fährt. Vor Schreck hält sie den Atem an und drückt die Hand auf den Magen. Als sie wieder atmen kann, begreift sie, dass sie keine Magenschmerzen hat. Die schmerzhaften Stiche sind Ausdruck ihrer Wut, die sie aufgrund ihrer Loyalität lieber unterdrücken möchte.
Die Erkenntnis bringt schon etwas Erleichterung. Cassie atmet bewusst ein und aus. Die Wut liegt wie ein Felsbrocken in ihrem Bauch, sticht schmerzhaft in ihrer Magengegend. Cassie versucht, sich zu entspannen, um der Wut Platz zu machen. Tatsächlich kommt die Wut in Bewegung. Sie bewegt sich durch ihren Körper, drückt auf den Magen, den Darm und den Rücken.
Nach einer Weile wird es ruhig in Cassies Körper. Die Wut und die Anspannung lassen nach. Ihr Geist beruhigt sich. Neue Gedanken tauchen auf, Ideen, wie sie der jungen Frau helfen kann. Sie ruft eine Kollegin an und gemeinsam finden sie neue Lösungsansätze. Die Magenschmerzen tauchen nicht wieder auf. Cassie ist froh, dass sie auf ihren Körper gehört hat und seiner Bewegung gefolgt ist.
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