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Der zwölf Meter breite Gehweg vor der Universität ist wie immer voll mit flanierenden Urlaubern und gehetzten Berufstätigen. Da kommt ein Jugendlicher auf einem E-Scooter herangesaust, kurvt lachend um die Passanten herum. Ein junger Fußgänger wird wütend, als er den Scooter-Fahrer sieht. Er brüllt ihn an und rudert mit den Armen. Der Junge weicht aus, dabei kommt er einem anderen Fußgänger, einem Mittfünfziger, zu nah. Plötzlich stürzt der Junge. Alle schimpfen aufgebracht. „Selbst schuld! Was fährt er hier auch illegal herum! Er hat uns gefährdet.“
Schnell ist Professorin Cassie bei dem Jungen, der sich langsam aufsetzt. Körperlich scheint er unversehrt, doch in seinen Augen ist eine Abwesenheit zu sehen, die nicht körperlich ist, sondern eine Stressreaktion. Cassie legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich bin Cassie, ich arbeite in dem alten Gebäude hier. Ich habe gesehen, was passiert ist. Wir bringen das in Ordnung. Du bist nicht allein.“ Sie atmet tief durch und entspannt ihren Körper. Sie will Kontakt zu dem Jungen aufbauen, aber sein Blick irrt rastlos herum. Nach etwa dreißig Sekunden wird sein Blick ruhiger und klarer. Er sieht Cassie das erste Mal an. „Der Mann hat mich geschubst“, sagt er sachlich.
„Wenn du hier nicht gefahren wärst, wäre das nicht passiert“, antwortet der Mittfünfziger laut.
„Ich würde sagen, Sie haben beide etwas falsch gemacht. Darum geht es jetzt aber nicht.“ Cassie hockt sich neben den Jungen. „Hast du Schmerzen? Kannst du dich bewegen?“, fragt sie ruhig.
„Wie können Sie ein Kind vom Roller schubsen?“, ereifert sich eine junge Frau mit Kinderwagen. Ein lautstarker Streit entbrennt. Cassie würde sich gern einmischen, aber der Junge braucht jetzt die Aufmerksamkeit von wenigstens einer erwachsenen Person.
Cassie sieht ihn freundlich an und das Gesicht des Jungen wird wieder lebendig. „Danke Cassie“, sagt er schlicht. Dann steht er auf, betrachtet die aufgeschrammte Haut durch die Löcher in Hose und Jacke. „Mir geht es gut. Ich habe keine Schmerzen.“ Dann hebt er den Miet-Scooter auf, er ist unbeschädigt.
Die Umstehenden verstummen und richten ihre Aufmerksamkeit auf den Jungen. Cassie stellt sich einfach neben ihn. Sie sind beide ganz ruhig und das färbt auf die Umstehenden ab.
Nach einer kurzen Pause sagt der Junge freundlich: „Es tut mir leid, dass ich auf dem Fußweg gefahren bin. Das werde ich sicher nicht wieder tun“. Dann wendet er sich an Mittfünfziger. „Aber es ist auch nicht okay, dass Sie mich geschubst haben.“
Der Mann baut sich zu voller Größe auf und holt tief Luft. „Mir tut es auch leid, Junge. Ich fühle mich nicht sicher, wenn Räder und Scooter plötzlich so nah bei mir auftauchen. Da habe ich wohl überreagiert. Ich wollte dir eine Lehre erteilen, aber ich wollte nicht, dass du dich verletzt.“
Die beiden schütteln sich die Hände. Die Gruppe wirkt plötzlich gelöst und alle gehen entspannt ihrer Wege. Sie haben eine wirklich erstaunliche Erfahrung gemacht.
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