Hass verwandeln

Professorin Cassie ist mit ihrer erwachsenen Tochter Betty auf einem Stadtteilfest. Plötzlich stellt sich eine Frau in Cassies Blickfeld. Cassie weiß sofort, wer sie ist. Ihr Körper reagiert. Er spannt sich an, der Atem kann kaum durchfließen.

Die Frau sieht Cassie ebenfalls. Cassie bekommt einen Energieschub. Sie packt ihre Tochter am Arm und zieht sie mit sich fort, raus aus der Straße, um eine Ecke. Da setzen sie sich auf eine Bank.

„Das ist Dani. Wir waren zusammen in der Grundschule. Sie hat mich drangsaliert und gedemütigt. Ich musste da weg“, flüstert Cassie gehetzt. Von ihrer Autorität als gestandene Professorin ist nichts übriggeblieben.

Cassie erzählt ihrer Tochter, wie Dani ihr den Ranzen geklaut, sie geschubst und vor Anderen beschämt hat.

„Du solltest sie konfrontieren. Ihr wart Kinder. Vielleicht entschuldigt sie sich“, sagt Betty.

„Auf gar keinen Fall. Ich will nicht mit ihr reden. Ich will sie nicht ansehen. Ich will nicht mal auf diesem Fest mit ihr sein. Ich kann nicht sein, wo sie ist.“ Cassie und Betty erschrecken gleichermaßen über diese Formulierung.

„Du hasst sie!“, fasst Betty zusammen.

Cassie spürt, dass das stimmt. Es ist eine existenzielle Abneigung, das Gefühl, sie könne nur atmen, wenn Dani weit von ihr entfernt ist. „Du hast recht. Ich hasse sie wirklich. Seit 50 Jahren unterdrücke ich den Hass auf sie. Damals hat man mir gesagt, ich dürfe sie nicht hassen, aber genau so ist es. Ich hasse sie für alles, was sie mir angetan hat.“ Cassies Körper entspannt sich etwas.

Dani ist ihnen gefolgt und kommt auf sie zu. Cassie erlaubt dem Hass, aufzusteigen. Es ist eine zerstörerische, ungerichtete Kraft, die den Verstand ausschalten und Dani fertigmachen könnte. Doch Cassie übernimmt wieder die Kontrolle. Sie atmet voll ein und aus.

Dani sieht zerknirscht aus, ihre Stimme ist dünn. „Hallo Cassandra. Weißt du noch, wer ich bin?“

„Natürlich“, sagt Cassie kalt. „Du hast mich bedrängt, beschämt und gedemütigt. Ich habe dich gehasst und ich hasse dich immer noch.“

Dani wird kreidebleich. Sie schweigt.

Cassie hatte sich vorgestellt, dass es zu Gewalt oder Beleidigungen führen würde, wenn sie ihren Hass zulassen würde. Doch stattdessen beobachtet sie ihre geballten Fäuste, angespannten Schultern und Beine. Cassie ist bereit für einen lebensgefährlichen Kampf.

Dani hat Tränen in den Augen. „Ich verstehe es, wenn du mich hasst. Allerdings bin ich nicht mehr die Dani von damals. Ich war 7, ein dummes, starkes Kind. Ich wusste nicht, was ich dir damit antue. Es tut mir leid.“

Cassie hatte sich immer vorgestellt, Dani fertig zu machen, wenn sie sie wiedersehen würde. Doch nun fühlt sie mit der erwachsenen Dani. Cassies Körper entspannt sich und der Hass verebbt. „Schon gut. Wir wussten es beide nicht besser. Ich habe mir 50 Jahre lang nicht erlaubt, dich zu hassen. Und jetzt, wo ich es getan habe, fühle ich mich besser.“

„Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“ Dani sieht sie ratlos an. „Du warst immer schon viel schlauer als ich.“

„Ich will sagen, dass die 7-Jährige Cassie die 7-Jährige Dani gehasst hat. Jetzt sind wir erwachsen.“

„Das ist wahr. Ich weiß nicht, warum ich früher so gemein war. Ich bin es schon seit der Pubertät nicht mehr und bereue schon lange, wie ich mich damals verhalten habe. Ich bin froh, dass ich dir das endlich sagen kann.“

Cassie nickt. „Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können in der Gegenwart ankommen.“

Dani sieht sie erstaunt an. „Du solltest Philosophin werden.“

„Ich bin seit Jahren Philosophie-Professorin.“ Cassie kann noch nicht lächeln, aber sie fühlt sich friedlicher. Es wird noch etwas dauern, bis die Versöhnung wirklich bei ihnen ankommt, aber sie spüren beide, dass sie einen wichtigen Schritt gemacht haben.

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Kommentare

Kommentar von Christine Amon |

Super! Genau so. Gerade vor Hass fürchten wir uns total. Das darf doch nicht sein, dass wir hassen, hat man uns gelehrt. Aber Hass ist auch nur ein Gefühl, das gesehen werden will. Es ist normal, zu hassen. Aber es ist nicht normal, demjenigen, den man hasst, Gewalt anzutun.

Antwort von Alexandra Kusche

Danke für deinen Kommentar, liebe Christine. Du bringst es perfekt auf den Punkt! Liebe Grüße, Alexandra

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