Haltungen bereuen
Professorin Cassie hat ihre Wohnungstür abgeschlossen, dreht sich dann aber noch mal um. Sie kontrolliert zweimal, ob sie wirklich abgeschlossen hat. Es ist eine Marotte, die sie nicht ablegen kann.
Ihre Nachbarin, eine Frau Mitte Siebzig, tritt aus ihrer Wohnung. „Sie vertrauen dem, was sie getan haben, wohl nicht“, sagt sie freundlich.
Die Frage bringt etwas in Cassie ins Schwingen. „Wie kommen Sie darauf?“
„Ich habe es früher genauso gemacht. Dabei gab es keinen Grund dafür. Ich hatte niemals vergessen, abzuschließen.“ Die Dame verstummt.
„Das geht mir genau so. Ist das verrückt?“
„Bei mir nicht. Ich habe es von meiner Mutter übernommen. Sie hat alles tausend Mal kontrolliert, aber sie hatte auch einen Grund dafür. Sie hat früher Dinge getan, die im Nachhinein als katastrophal bewertet wurden. Sie hat ihr Leben lang jede abgeschlossene Handlung angezweifelt. Sie konnte es nicht abstellen.“
„Was hat Ihre Mutter getan? Wenn Sie das erzählen wollen“, fragt Cassie.
„Sie war während der Nazi-Zeit im „Bund deutscher Mädel“ aktiv und hat die völkische Ideologie propagiert.“
Professorin Cassie kennt die Geschichte des weiblichen Zweigs der Hitler-Jugend. „Sie hat ihre Arbeit im Nachhinein als Fehler angesehen?“
„Ja. Sie war eine kluge, reflektierte Frau. Als junges Mädchen hatte sie gedacht, sie würde an einer besseren Zukunft mitarbeiten. Wenige Jahre später stellte sie fest, dass sie zum Handlanger des Bösen geworden war. Ihre Idee von Fortschritt wurde als Ideologie benutzt, um Millionen Menschen zu ermorden. Damit hat sie nicht gerechnet. Das hat sie nicht gewollt. Es hat sie niedergeschmettert.“
„Und deswegen hat Ihre Mutter ihre Tür dreimal kontrolliert?“
„Sie hat ihren eigenen Entscheidungen ihr Leben lang nicht mehr vertraut. Sie hat alles beobachtet und immer neu bewertet. Sie wollte gegensteuern können, falls die Konsequenzen ihrer Handlungen Anderen schaden könnten.“
„Aber das ist ja nicht Ihr Thema. Wie sind Sie die Marotte mit dem Kontrollieren der Tür losgeworden?“
„Es hat aufgehört, als ich mein eigenes Handeln reflektiert habe. Ich bin niemandem je blind gefolgt. Alles, was ich tue, ist gut durchdacht und abgewogen. Ich rede niemandem nach dem Mund und mache nur das, was mit meiner Menschlichkeit im Einklang ist. Alles, was ich tue, stärkt Andere.“
Cassie bedankt sich bei der Nachbarin. In der Uni überprüft sie ihre Wirkung als Professorin, befragt die Studierenden, bespricht die Ergebnisse. Sie kann zu allem stehen, was sie sagt und tut. Sie wird nichts davon bereuen. Das können ihre Kinder und Enkel eines Tages über sie erzählen.
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