Grenzen erkennen

Professorin Cassie müsste eingreifen. In ihrem Grundkurs ist eine Diskussion entbrannt, die nichts mehr mit wissenschaftlichem Diskurs zu tun hat. Drei junge Studenten beschimpfen und verurteilen eine Frau für ihre Sichtweise. Der Tonfall der großen Politik hat in Cassies Hörsaal Einzug gehalten. Radikale Parolen schwirren durch den Raum der Wissenschaft, passen dort nicht hin, irritieren. Cassie weiß, dass sie schlichten, einordnen, wissenschaftlich erklären sollte, aber sie bringt kein Wort heraus. Die Studierenden sehen sie hilfesuchend an, aber sie kann nicht dagegen halten, ihren Raum nicht verteidigen.

Die Studentin, die beschimpft wird, ist den Tränen nahe. Eine andere Frau versucht, sie zu unterstützen, der Rest der 70 Leute scheint in der gleichen Schockstarre zu sein, wie Cassie. Dabei müsste sie jetzt handeln, um ihre Werte zu verteidigen. Sie wollte niemals Diskriminierung, Drohungen, Einschüchterung zulassen. Doch genau das passiert gerade vor ihren Augen. Die drei jungen Männer haben mit ihrer bedrohlichen Art ein ganzes Seminar zum Schweigen gebracht, einschließlich einer gestandenen Professorin.

Cassie sieht eine Studentin in der ersten Reihe an. Die junge Frau hält Cassies Blick. Die beiden fühlen und denken das Gleiche. Sie wollen für Gerechtigkeit eintreten, können es aber nicht. Sie haben beide Angst.

Die drei radikalen Studenten erniedrigen und demütigen Studierende, als wäre das völlig in Ordnung. Cassie schämt sich, weil sie die jungen Menschen nicht beschützen kann. Sie versagt und kann es nicht ändern. Sie atmet resigniert aus. Da wird ihr klar, was passiert ist. Die drei haben es geschafft, eine große Gruppe, die eigentlich stärker wäre als sie, zu hypnotisieren und damit jegliche Gegenwehr auszuschalten.

„Ich brauche euch. Ich kann das nicht allein“, sagt Cassie leise und die erste Reihe hört sie. Bevor sie etwas sagen kann, steht eine 18-Jährige auf und skandiert mit piepsiger Stimme eine wüste Beschimpfung, die aus einem Rap zu stammen scheint. Alle sehen sie erstaunt an, aber bevor die Aggressoren sie angehen können, stimmt der ganze Hörsaal ein. Die drei werden aus über 60 Kehlen mit Sprechgesang beleidigt und beschimpft. Sie kommen nicht dagegen an und flüchten. Der Chor geht in einen Siegesjubel über.

Cassie ist erleichtert. Sie geht zu der jungen Studentin. „Ich danke Ihnen. Sie waren mutig, als ich es nicht war. Ich hätte sie alle beschützen sollen, aber ich konnte es nicht.“

„Das dachte ich mir. Der Diskurs der Wissenschaften hat keine Chance gegen die Sprache der Gewalt, sagt mein Opa immer. Er war Latein-Lehrer.“

„Dein Opa ist ein weiser Mann. Grüße und danke ihm von mir.“ Cassie hat immer für Vernunft und Verständnis plädiert. Sie macht sich Sorgen, dass die gewalttätige Sprache zur Gewohnheit oder gar zur Identität der Studierenden wird, doch in der anschließenden Diskussion dominiert wieder die akademische Sprache. Die jungen Leute haben sich die beleidigenden Zeilen nicht zu eigen gemacht. Stattdessen gehört sie zu ihrem Repertoire, das sie jederzeit abrufen, aber auch wieder ablegen können.

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