Gemeinsam verarbeiten
Professorin Cassie steht im großen Hörsaal vor 500 Studierenden. Mitten in ihrer Vorlesung geht ein Raunen durch die Ränge. Die jungen Leute sind aufgewühlt, doch sie sprechen nicht miteinander, sondern chatten mit ihren virtuellen Freunden.
Cassie fragt eine Studentin in der ersten Reihe. Die zeigt ihr auf dem Handy das Bild einer jungen, berühmten Sportlerin. „Sie ist bei einer Klettertour abgestürzt und gestorben.“ Die Stimme der Studentin versagt.
Cassie nickt der Studentin tröstend zu. Sie kennt die Verbundenheit mit Prominenten, die man bewundert und verehrt, aus ihrer eigenen Jugend. Sie versteht die Trauer und den Schock. Mit der Vorlesung fortzufahren macht keinen Sinn. Die jungen Leute haben gerade keine gedanklichen Kapazitäten für eine Vorlesung. Die Professorin überlegt, alle wegzuschicken. Dann erinnert sie sich plötzlich daran, wie fassungslos und allein sie sich gefühlt hat, als Lady Di in einem Autounfall starb. Die Studierenden im Saal fühlen sich ebenso verloren und ihre Freunde in den Sozialen Medien können nur virtuellen Trost geben.
Nun weiß Cassie, was zu tun ist. Sie wird den Studierenden zeigen, dass sie nicht allein sind. Langsam schreitet sie über die Bühne, atmet tief in den Bauch, ein und aus. Dabei schaut sie die Anwesenden an. Sie entdeckt erschrockene, entgeisterte, traurige und leere Gesichter, die nach unten auf ihre Handys gerichtet sind. Die meisten Studierenden sind sehr jung und werden gerade das erste Mal mit dem Schrecken eines unerwarteten Todesfalls konfrontiert. Die Professorin sucht ihre Blicke, nickt, schweigt und atmet weiter. Immer mehr junge Leute legen ihre Handys weg und kommen im Hier und Jetzt an. Es fühlt sich an, als würden immer mehr von ihnen im Gleichklang atmen.
Cassie ergreift das Wort. „Ich spüre, wie Sie sich fühlen. Was immer da ist, es darf da sein. Sei es Leid, Schrecken, Entsetzen, Trauer, Fassungslosigkeit, Mitgefühl, geben Sie dem Raum in sich. Wenn Sie können, sehen Sie sich um. Erkennen Sie die Gefühle in Ihren Sitznachbarn. Verbinden Sie sich in dieser schweren Stunde. Seien Sie füreinander da.“
Die jungen Leute sehen sich um. Sie sind den direkten Kontakt nicht gewohnt, aber es tut ihnen gut. Es fließen Tränen, manche nehmen die Hände von Anderen.
Cassie atmet weiter durch. Sie schaut alle an, bleibt in dem Gefühls-Chaos stehen wie ein Fels in der Brandung. Ihre Ruhe und Präsenz ermöglicht es allen, ihre Gefühle zu erleben und zu integrieren. Sie spürt, wie sicher dieser gemeinsame Raum ist, und verarbeitet den Schock ebenfalls. Schließlich ergreift sie noch einmal das Wort. „Danke, dass Sie sich für Ihre Emotionen und die der Anderen geöffnet haben. Bleiben Sie einander verbunden. Bei aller Trauer bedenken Sie: Das Leben geht weiter. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“
Die Studierenden lächeln Cassie beim Hinausgehen zu. Viele bedanken sich, formen mit den Händen Symbole von Herzen und Dank. Cassie bleibt beseelt zurück. So hat eine Horror-Nachricht eine große herzliche Gemeinschaft geformt, aus der noch wahre Freundschaften hervorgehen werden.
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