Fremde kennenlernen

Professorin Cassie trifft morgens an der S-Bahn-Haltestelle immer wieder einen gleichaltrigen Mann. Er ist neu in ihrer Straße eingezogen und heißt Till. Er fängt schon vor der Abfahrt ein Gespräch an und sie unterhalten sich bis er aussteigt. In wenigen Tagen hat sie schon viel über ihn erfahren. Er ist von seiner Frau getrennt, seine Kinder sind erwachsen, so wie ihre. Er arbeitet in einem Ministerium und interessiert sich für Cassies Fachgebiet, die Philosophie.

Sie findet ihn nicht blöd, aber sie interessiert sich auch nicht für ihn. Schlimmer ist, dass ihr Tagesablauf durch die Gespräche gestört wird. Normalerweise nutzt sie die 30 Minuten Fahrtzeit, um den Arbeitstag vorzubereiten. Die Zeit fehlt ihr nun. So ist Cassie froh, wenn sie Till morgens nicht trifft. Sie versucht schon, ihm aus dem Weg zu gehen, aber das stresst sie auch.

Bei der nächsten Begegnung an der Haltestelle beginnt Till bereits das Gespräch. Wie selbstverständlich setzt er sich in der S-Bahn neben Cassie. Sie atmet tief durch, um herauszufinden, was sie tun will. Plötzlich erinnert sie sich an eine Situation aus ihrer Jugend. Als Schülerin hatte sie einen Verehrer, den sie nicht mochte. Als sie ihm erklärt hat, dass sie nicht seine Freundin sein möchte, hat er wütend und gemein reagiert. Cassie hatte diese Begebenheit längst vergessen. Gleichwohl wirken die Schlussfolgerungen, die sie daraus gezogen hat, immer noch. Deshalb traut sie nicht, ehrlich zu Till zu sein.

Er bemerkt, wie still sie ist. Cassie spürt seine Neugier und Offenheit. Das macht ihr Mut. „Sei mir bitte nicht böse, aber ich muss jetzt etwas für die Uni lesen.“

„Klar, wir können ja morgen reden.“

Sie schüttelt den Kopf. „Seit Jahren nutze ich die Fahrt zur Arbeit, um meinen Tag zu strukturieren. Es ist mir ein wichtiges Ritual, das ich nicht aufgeben möchte.“

„Das verstehe ich. Wollen wir uns nach Feierabend treffen?“

Diese Frage hat Cassie befürchtet. Sie atmet tief durch, bevor sie antwortet. „Ich habe momentan keine Kapazitäten dafür.“ Sie will sich schon entschuldigen, dann lässt sie es.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragt er.

Sie sucht den Vorwurf in seinen Worten, doch da ist keiner. „Nein, das ist es nicht. Ich bin gerade sehr eingebunden und habe wenig Zeit“, lügt sie.

„Das verstehe ich“, sagt er freundlich. „Ich suche halt Anschluss in unserem Kiez. Lass uns einfach schauen, wie es sich entwickelt.“ Er zieht ein Buch aus seiner Ledertasche.

Cassie nickt und holt ihr Notebook heraus, um ihren Kalender durchzugehen.

Der Freiraum, der gerade entstanden ist, irritiert sie. Jedenfalls ist keine ihrer Befürchtungen eingetreten. Im Gegenteil. Sie hat Lust bekommen, Till näher kennenzulernen.

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