Familientradition

Cassie hat ihre Familie zum Weihnachtsessen eingeladen. Sie freut sich sehr, dass ihre erwachsenen drei Kinder mit Freund und Freundinnen kommen werden. Seit Tagen plant sie das Menü, kauft ein und bäckt. Gemeinsam mit ihrem Bruder, der zugleich ihr Mitbewohner ist, putzt sie die Wohnung heraus. Er ist sonst nicht so ordentlich, aber für diese Gelegenheit sind sie einer Meinung. Sie waren beide noch beim Friseur und haben sich schick angezogen.

Als die Gäste kommen, strahlt und leuchtet alles. Tochter Betty und ihr Freund haben sich festlich angezogen, ebenso wie Sohn Carl und seine Freundin. Nur der Älteste Ben ist in Jeans und Turnschuhen gekommen. Das bringt Cassie in einen Zwiespalt. Es ist ihr wichtig, das Weihnachtsfest als etwas Besonderes zu gestalten, möchte ihm aber nicht vorschreiben, wie er sich zu kleiden hat.

Sie versucht zu ignorieren, wie sehr ihn sein Schlabberpulli stört. Er war schon immer der Rebellische in der Familie. Ihr nächster Gedanke gilt ihrer Herkunftsfamilie. Schon bei ihren Großeltern mussten alle sich schick kleiden. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz ihrer Vorfahren, dass Weihnachten alle strahlen müssen. Das Weihnachtsfest 1986 kommt ihr in den Kopf. Jonas und Cassie wollten das Gesetz des Schickmachens brechen und sind mit Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen am Christbaum erschienen. Ihr Vater war damals sehr aufgebracht und hat ihnen befohlen, sich umzuziehen. Sie haben gehorcht. In den Jahren darauf haben sie durch Diskussionen im Vorfeld versucht, eine neue Tradition zu beginnen. Doch selbst als sie ohne die Großeltern gefeiert haben, mussten sie weiter in der unbequemen Kleidung am Eßtisch sitzen. Cassie braucht einen Moment, um zu begreifen, dass sie nun diejenige ist, die die ungeliebte Tradition weiterführt. Sie trägt dieses schwarze Etuikleid, Jäckchen und die hochhackigen Schuhe nur zu Weihnachten und bei Beerdigungen. Auch Jonas hat seinen dunklen Anzug nur zu diesen Gelegenheiten an. Wie konnte es dazu kommen?

Die Antwort steigt in Cassies Geist auf. Sie hat schon früh ihren Wunsch nach einer entspannten Feier verdrängt und nun kennt sie es nicht mehr anders. Sie atmet ein paar Mal tief durch und bemerkt, wie gern sie eine Hose, Bluse und College-Schuhe anziehen möchte. Dann erhebt sie die Stimme. „Es ist vermutlich unerwartet für euch alle, aber wir müssen die Rituale eurer Urgroßeltern nicht fortführen. Wer sich gerade wie verkleidet fühlt, kann sich gern umziehen.“

Alle sehen sie staunend an. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen. Die jungen Leute haben normale Kleidung in ihren Rucksäcken, damit sie nach dem Essen noch ausgehen können. Schnell ziehen sie sich um, bis auf Carls Freundin, die sich in ihrem Pailletten-Kleid sehr wohl fühlt. Cassies Bruder Jonas wechselt Schuhe und Hose, nicht aber Hemd und Jackett. Es macht ihn sichtlich nervös, mit der Tradition zu brechen. Auch Cassie erwartet unbewusst ein Donnerwetter. Sie stößt auf die Großeltern an, würdigt deren Wunsch nach Eleganz und Schönheit. Danach bringt sie einen Toast auf die Anwesenden aus, die nun endlich nach ihre eigenen Werten feiern. Die Stimmung entspannt sich bald, die Gespräche werden tiefsinniger und aufrichtiger. Sie haben ihre eigene Art der Weihnachtsfeier gefunden.

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