Essen genießen
Professorin Cassie sitzt mit ihrem Kollegen Anton in der Mensa. Er isst still und langsam, wie ein buddhistischer Mönch. Cassie hingegen ist mit ihren Gedanken in der Vorlesung, die sie gerade gehalten hat. Sie erzählt Anton von einem frechen Studenten und steigert sich immer mehr in ihre Empörung über einige Verhaltensweisen hinein.
„Wie schmeckt dein Essen?“, fragt Anton plötzlich.
Cassie hat nicht gemerkt, dass sie schon große Portion Spaghetti mit Tomatensauce in sich hineingeschaufelt hat. Sie nimmt einen Bissen und verzieht das Gesicht. Mit etwas Salz und Pfeffer schmeckt es besser. „Das war ungenießbar und ich habe es gar nicht gemerkt.“
Sie will wissen, wie es Anton geht. Immerhin hat er noch gar nichts gesagt.
„Ich konzentriere mich auf mein Essen und genieße meine Pause.“
Cassie fühlt sich angegriffen. Sie weiß, dass sie achtsamer essen sollte, langsamer, bewusster. Sie rollt mit der Gabel einige Spaghetti auf und hält sie sich vor das Gesicht, um sie zu betrachten. Sie bemerkt Antons Blick. Er sagt immer noch nichts, aber er schmunzelt. Sie versetzt sich in seine Lage. Es sieht vermutlich witzig aus, wie sie die Gabel mit Spaghetti vor ihre Nase hält. Amüsiert isst sie den Bissen. Während sie achtsam kaut, ist es still zwischen Anton und ihr. Das ist ungewohnt und unangenehm für Cassie. Sie redet eigentlich immer, nur wenn jemand anders spricht, schweigt sie.
Die Heiterkeit macht es ihr leichter, zu schweigen und sich auf das Essen zu konzentrieren. Sie passt sich an Antons Geschwindigkeit an, kaut langsam, erforscht den Geschmack von Nudeln und Fertigsauce. Sie hat dieses Gericht schon oft gegessen, aber das erste Mal bemerkt sie, dass es ihr nicht schmeckt. Allerdings hat sie Hunger und isst langsam weiter. Sie bemerkt, wie froh ihr Körper über die Nahrung ist. Ihm geht es nur um die Kalorien. Durch das langsame Essen ist sie schnell satt und legt das Besteck auf die restlichen Nudeln. Normalerweise nimmt sie ihr Sättigungsgefühl nicht wahr und isst alles auf.
„Das achtsame Essen war eine interessante Erfahrung. Ich wusste nicht, dass ich diese Tomatensauce nicht mag. Außerdem reicht mir eine halbe Portion, wenn ich noch Nachtisch habe.“
Sie schaut auf den Vanillepudding, der in großen Eimern angeliefert und in Schälchen abgefüllt wurde. Ob sie den mag? Cassie probiert eine Löffelspitze von dem Nachtisch. Er schmeckt köstlich, wie der Pudding ihrer Kindheit. Achtsam isst sie weiter. Sie denkt an die Papiertüten mit Puddingpulver, das sie selbst oft mit Milch angerührt hat. An Nächte, in denen sie für Prüfungen gelernt und sich mit Pudding wachgehalten hat.
Als sie aufgegessen hat, bemerkt sie, wie lange sie nicht gesprochen hat. Die Empörung über den frechen Studenten ist auch weg. Sie ist ganz entspannt. Genau wie Anton, der es vermutlich sehr genossen hat, sich ganz auf sein Essen konzentrieren zu können. Sie haben beide eine Meditation aus dem Mittagessen gemacht und gehen erfrischt in den Nachmittag.
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