Altes bewahren
Professorin Cassie ist gespannt auf das bevorstehende Seminar. Die Studentin, die einen Impulsvortrag halten soll, ist eine bekannte Podcasterin.
Dreimal in der Woche spricht die junge Frau über diverse philosophische Themen. Dabei hören ihr Hunderttausende zu.
Cassie hat sich den Podcast angehört. Er ist ansprechend gemacht, fachlich richtig, aber sehr unwissenschaftlich. Cassie kann sich nicht vorstellen, dass die junge Frau an der Universität gut aufgehoben ist.
Sie wundert sich, als eine nervöse junge Frau zu ihr nach vorn kommt. So hat sie sich die berühmte Podcasterin nicht vorgestellt.
Trotz ihres offensichtlichen Lampenfiebers bietet die Studentin eine unterhaltsame Performance über den französischen Philosophen Michel Foucault. Cassie findet keine Fehler. Die Folien sind anschaulich gestaltet, allerdings behandelt sie alles sehr oberflächlich - eben für ein fachfremdes Publikum. Cassie könnte den Vortrag höchstens mit Befriedigend bewerten, aber sie zögert noch. Also eröffnet sie die Diskussion, um sich noch etwas Zeit zu verschaffen.
Sofort schnellen viele Hände in die Höhe. Das ist ungewöhnlich. Sonst sind es immer die gleichen fünf, die mitdiskutieren. Doch heute ist es anders. Selbst Studierende, die sich sonst nur selten melden, sprechen. Cassie ist erstaunt, dass die ganze Gruppe die wichtigsten Punkte verstanden hat. Die jungen Leute haben kluge Gedanken und ziehen interessante Schlussfolgerungen, allerdings in ihrer Alltagssprache. Das findet Cassie unangemessen. An den Universitäten gilt das Prinzip, als Wissenschaftlerin für andere Wissenschaftler zu schreiben und zu sprechen. Das ist es, was sie ihren Studierenden beibringen. Auf dieser Grundlage vergeben sie Zensuren. Cassie hat das Gefühl, dass die Podcasterin und ihre Follower dieses Prinzip in Frage stellen.
Ihre Gedanken schweifen ab. Cassie liebt die Präzision und Klarheit der wissenschaftlichen Ausdrücke. Die laufende Diskussion erscheint ihr schwammig und uneindeutig. Dafür werden die Studierenden in ihrer Unterschiedlichkeit sichtbar. Eine Frau dreht sprachlich Schleifen, bevor sie präzise auf den Punkt kommt. Ein schüchterner Mann spricht sehr leise und schöpft seine kurzen Sätzen aus fundiertem Wissen. Die laute Frau, die sich immer meldet, spricht wissenschaftlich und selbstbewusst, wirkt im Vergleich zu den anderen aber nicht sehr klug..
Plötzlich sieht Cassie ihre Studierenden und die komplexen Themen ihres Fachgebiets in einem anderen Licht. Sie stellt sich vor, wie die jungen Leute am Strand philosophieren, in der Kneipe über das Werk von Foucault diskutieren. Die Idee, Cassies Herzensthemen aus dem Elfenbeinturm in die Gesellschaft zu tragen, gefällt ihr. Sie ist froh, dass die junge Podcasterin genau das tut, aber sie soll es nicht in Cassies Hörsaal tun. Hier gelten andere Regeln.
Sie wendet sich an die Podcasterin. „Ich möchte Ihnen für Ihre Performance danken und dafür, dass Sie diese rege Diskussion ermöglicht haben. Für Erstsemester haben Sie alle ein gutes Basiswissen. Jedoch sind Sie hier, um das wissenschaftliche Arbeiten zu lernen. Die Methoden der Logik, das präzise Denken, Schreiben und Sprechen. Wenn Sie Ihre Arbeit an den Podcasts und die Regeln dieses Studiums auseinanderhalten können, werden Sie es weit bringen.“
Die junge Frau lächelt Cassie mit strahlenden Augen an. „Das ist genau das, weswegen ich mich eingeschrieben habe. Ich möchte mehr wissen und können, als ich im Podcast präsentiere und später einmal Bücher schreiben. Es wäre schön, wenn Sie mir diesen Weg zeigen.“
„Das werde ich gern tun.“ Cassie ist froh. Für einen Moment hatte sie befürchtet, dass die neuen Medien die alte Institution Universität ablehnen könnten. Nun wird ihr klar, wie die beiden Formen zusammen arbeiten und einander fördern können.
Deine Anmerkung zu diesem Beitrag?